Fu forse un tempo
nach einem Sonett von F. Petrarca
2018
für Flöte, Kontrabass und Klavier
ca. 6'
Hard Facts
- Premiere – 19. Nov. 2018, Neues Rathaus (Wappensaal) / Wien
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- art-ensemble Berlin
- Flöte – Antonella Bini
- Kontrabass – Oliver Potratz
- Klavier – Art-Oliver Simon
- Dirigentin – Tanja Elisa Glinsner
- Das Werk wurde mit dem 1. Österreichischen Komponistinnenpreis 2018 ausgezeichnet.
“Fu forse un tempo dolce cosa amore, non perch’i’sappia il quando: or è sí amara, che nulla piú; ben sa ’l ver chi l’impara com’ò fatt’io con mio grave dolore /
Vielleicht war die Liebe einst eine süße Sache, nicht, dass ich noch wüsste, wann: Nun (aber) ist sie bitter, nichts weiter; Es kennt nur der die Wahrheit ganz, der sie (selbst) erlernt hat, so wie ich es inmitten meinem tiefen Schmerz getan habe.
(Francesco Petrarca, Übers.: Tanja Glinsner)
Fu forse un tempo … basiert auf dem 344. Sonett aus Francesco Petrarcas (1304–1374) Sonett- und Kanzonenzyklus Rerum vulgarium fragmenta, bzw. «Il Canzoniere».
In dieser Sammlung, bestehend aus 366 Sonetten und Kanzonen, bringt er seine Liebe zu seiner unerreichbaren Angebeteten zum Ausdruck, wobei es sich um die die jungverheiratete Laura de Noves gehandelt haben dürfte. Sie wurde – nachdem Petrarca sie im Jahre 1327 zum ersten Mal erblickt hatte – zur Inspirationsquelle seines gesamten künstlerischen Schaffens.
Fu forse un tempo … zählt zu jenen Sonetten aus dem Zyklus, die nach ‹Lauras› Tod 1348 entstanden waren – hierbei habe ich mich auf die Verwendung von Textpassagen der 1. Strophe bis hin zu «che nulla piu» beschränkt – «nichts mehr» muss noch hinzugefügt werden; wer diesen Schmerz nicht versteht, würde auch den Rest des Sonetts nur bedingt nachvollziehen können. Wer diesen Schmerz kennt, braucht «nulla più», um den Menschen zu verstehen.
Die Musiker werden dabei zu den Teilen einer oder ebenjener Person, die verzweifelt und vergeblich (?) versucht, sich – im Schock über den Verlust eines geliebten Menschen – über das Geschehene und die Konsequenzen für das eigene ‹Ich› klarzu-werden. Hierbei werden die Textpassagen gleich ‹unausgesprochenen›, zum Teil quälenden Gedanken von den Musikern wiedergegebenen. Der ‹starre Schock› – die unbarmherzige Tatsache des Verlusts – wie auch die mit diesem einhergehenden lähmenden, sich immer wiederholenden ungläubigen und zweifelnden und dabei auch immer verzweifelteren Gedanken werden zum zentralen Thema des Stückes. Das bedrückende, zum einen kindliche, zum anderen wahnsinnige Fragen und Flehen nach «amore» und «forse», gefolgt von einem harten lauten «Nein» und schrillen, lauten Schreien lassen vorübergehend eine tiefe, sakrale Stille folgen. Doch durch das anfängliche gutgläubige Verleugnen der Tatsachen hindurch steigt allmähliche Panik, erneut wird gefragt, hektischer und drängender. Am Schluss: eine Antwort – was zurückbleibt, sind unbeantwortete Fragen.
Tanja Glinsner (2018)