„…von roten Funken umtanzt…“
2021
für Kleines Ensemble ( Fl., Klar., Pos., Klav., Vio., Viola, Vc. )
ca. 12'
Hard Facts
- Auftragswerk – Ensemble Reconsil Wien & Manuela Kerer
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- Premiere – 20. Okt. 2021, REAKTOR Wien
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- Ensemble Reconsil Wien
- Dirigentin – Antanina Kalechyts
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Berthold Brecht,
Der brennende Baum
Durch des Abends dunstig roten Nebel
Sahen wir die roten, steilen Flammen
Schwelend schlagen in den schwarzen Himmel.
In den Federn dort in schwüler Stille
Prasselnd Brannte ein Baum.
Hochauf reckten sich die schreckerstarrten Äste
Schwarz, von rotem Funkenregen
Wild und wirr umtanzt.
Durch den Nebel brandete die Feuerflut.
Schaurig tanzten wirre, dorre Blätter
Aufjauchzend, frei, um zu verkohlen
Höhnend um den alten Stamm.
Doch still und groß hinleuchtend in die Nacht
So wie ein alter Recke, müd, todmüd
Doch königlich in seiner Not
Stand der brennende Baum.
Und plötzlich reckt er auf die schwarzen, starren Äste
Hoch schießt die Purpurlohe an ihm auf –
Hoch steht er in dem schwarzen Himmel eine Weile
Dann kracht der Stamm, von Funken rot umtanzt Zusammen.
Maria Luise Weissmann
Ebene Landschaft
Die Erde kam, ein grauer Strom, geflossen.
Kein Damm, der ihre Flut zusammenhält,
Sie hat sich über Berg und Tal und Haus ergossen.
Fern, wo ein schmaler Strich den Horizont erhellt,
Ein Baum. Entwurzelt. Der ins Leere fällt.
Zwei Texte – deren Gemeinsamkeit ist die Schilderung des Sterbens eines Baumes.
Die Komponistin selbst erinnert sich an ein für sie prägendes Ereignis, welches sie in direkte Verbindung mit diesen Gedichten bringt: Das Fällen des Baumes, unter dem sie „ihre Kindheit verbracht hatte“. Entwurzelung.
Zwei Perspektiven: Marie Luise Weissmann im Verhältnis zu Brecht zunächst tröstlich – der Regen, die Erde, die „geflossen kam“. „Uber Berg und Tal ergossen“ – ein Bild, das für sich genommen beängstigend und destruktiv wirken kann, aber nach dem rotglühenden Schmerz des Textes von Bertold Brecht Linderung bringt. Dem Ende von Brechts Gedicht – „Dann kracht der Stamm, von Funken rot umtanzt zusammen“ – steht bei Weissmann die Phrase „Ein Baum. Entwurzelt. Der ins Leere fällt.“ gegenüber, und wird – in meiner persönlichen und autobiographisch geprägten Interpretation – durch diese ergänzt.
Ich durfte selbst nicht bei der Entwurzelung – gemeint ist das tatsächliche Fällen des Baumes, welcher mir so am Herzen lag und der für mich eng verknüpft war mit Begriffen/Emotionen wie „Heimat“, „Wärme“ und „Kindheit“. Aus diesem Grund können diese beiden „Möglichkeiten“ der Zerstörung – durch Feuer wie durch Wasser – nebeneinanderstehen und sich gegenseitig zu einem Bild ergänzen.
So führt die Kombination dieser beiden Texte für mich additiv zu einer Kumulation geballter Zerstörungskraft, gleichzeitig birgt sie jedoch die Möglichkeit tröstlicher Wechselwirkung, der Synthese, der gegenseitigen Aufhebung, Milderung und Negation.
Tanja Elisa Glinsner
Jänner 2021