HAWAH
nach dem Gedicht „VOCABULARY“ von Safia Elhillo
2024
für Großes Ensemble (1 Fl./ 1 Klar./ 1 Fg./ 1 Trp./ 1 Pos., Schlagw. (3 Spieler), Str. (1/1/1/1/1)
19' - 21'
Hard Facts
- Auftragswerk – ensemble xxj.jahrhundert (Dirigent, mus. Leiter – Peter Burwik)
- Premiere – 23.09.2024, Wiener Konzerthaus (Berio-Saal)
- ensemble xxj.jahrhundert
- Dirigent – Peter Burwik
- Aufzeichnung der Premiere durch Ö1
- 11. Nov. 2024 – Neue Musik auf japanischem Traditionsinstrument (Rainer Elstner)

In dem vom ensemble xxj. jahrhundert in Auftrag gegebene Werk „HAWAH“ beschäftigte sich Glinsner mit den musikalisch-kompositorischen Möglichkeiten afrikanischer Trommeln und den rituellen Konzepten und Prinzipien afrikanischer Rhythmen. Ausgangspunkt für die Komposition war die Frage, wie afrikanische Trommeln als Kommunikationsmittel sowohl traditionell als auch in der modernen Zeit genutzt wurden bzw. werden – sei es zur Übertragung von Nachrichten über große Distanzen oder zur Begleitung von Geschichten, Erzählungen und Poesie – im öffentlichen, sowie im privaten Rahmen.
Oftmals kommt es hierbei zu einer direkten Übersetzung der Diktion der Sprache in rhythmische Strukturen, um so incodierter Form übermittelt werden zu können. Die daraus entstehenden Rhythmen bzw. entstehende Polyrhythmik, geprägt durch den ihnen zu Grunde liegenden Sprachduktus, können bzw. kann in Folge als semantische Grundlage für die Übermittlung einer „musikalischen Erzählung“ dienen. Mit dem Titel des Werks bezog sich Glinsner auf das Gedicht „Vocabulary“ der sudanesisch-amerikanischen Dichterin Safia Elhillo, welches in Form eines Multiple-Choice-Tests gestaltet ist, und sich ebenfalls mit unterschiedlichen Möglichkeiten der Kommunikation auseinandersetzt: Es verdeutlicht dem Leser die Bedeutung der Kontextualisierung und den Reichtum der Interpretation, indem es die unterschiedlichen Übersetzungsmöglichkeiten des arabischen Wortes ءاوه (hawa) – das sowohl „Wind“ als auch „Liebe“ bedeuten kann – thematisiert.
„HAWAH“ wurde hierbei bewusst als Palindrom gewählt, um so die Doppeldeutigkeit des Wortes „hawa“ zu unterstreichen, ebenso wie die linksläufige, waagerechte Schrift des Arabischen und die grundlegende Kommunikation zwischen „Sender und Empfänger“ – sei es als Wind, der von A nach B weht, oder als Ausdruck von Liebe und Zuneigung zwischen zwei Menschen. Das Gedicht findet sowohl als rhythmisch-semantische Inspirationsquelle, als auch als textliches Material Eingang in das Werk, und spiegelt sich auch in der Wahl der Stimmung der Glocken und Pauken (h‘, a‘, b‘).
Als tatsächliches rhythmisch-musikalisches Vokabular greift Glinsner auf den alten traditionellen Rhythmus des Moribayassas der Malinké in Nordostguinea zurück. Ebenfalls doppeldeutig, bezeichnet der Begriff einerseits den entsprechenden Rhythmus, den dazugehörigen Tanz, als auch einen großen Baum (meist einen Mangobaum) in der Mitte des jeweiligen Dorfes, welcher für das Ritual und den entsprechenden Tanz herangezogen wird. Der Moribayassa Rhythmus wird zur Ehrung von Frauen gespielt, nachdem sie eine schwere Herausforderung gemeistert haben. Dem Tanz geht ein Versprechen an den Moribayassa-Baum voran, für ihn zu tanzen, alsbald die jeweilige Notlage überwunden ist- von den Frauen oftmals als letzter und einziger Ausweg empfunden. Nach Überwindung der schwierigen Lage, tanzt die Frau – verkleidet und begleitet von den anderen Frauen des Dorfes – um den Moribayassa Baum. Anschließend werden die Kleider unter dem Baum vergraben.
Ebendieses Bild dieses von einer schweren Last befreienden Tanzes und rituellen, kollektiven Zusammenfindens zur Feier der Überwindung der Notlage, versuchte Glinsner in HAWAH zu übersetzen:
Der Moribayassa – original aus 8 parallel gespielten simplen Einzelrhythmen zusammensetzt – spaltet sich immer wieder ab, zerfällt in sich, bis er wieder – wie unvermittelt in seine vollständige Grundgestalt zurückfindet. Dieser Prozess wiederholt sich mehrmals auf unterschiedlichste Weise – wie ein pulsierender Tanz zwischen ständig wechselnder Instrumentation (- zur Imitation der original verwendeten Trommeln und Glocken wurde hierbei eine sehr perkussive Instrumentalbehandlung gewählt – ) – und einem ständigen harmonischen Wechsel zwischen den – als Symmetrie zu den 8 rhythmischen Ebenen gewählten- 8 Spektralakkorden hindurch. Basierend auf den Tonhöhen H A B (W) A H lässt sich – in Erinnerung an das zu Grunde liegende Gedicht – der Ursprung des überwundenen Leids erahnen, über welcher hier befreiend hinweggetanzt wird.
1. Sept. 2024
Tanja Elisa Glinsner