VERSCHLUNGENES GEFÜGE
oder „wo von Sternen ungestalten Schatten wiegen…“
2024
nach Arnold Schönbergs Liederzyklus „Das Buch der Hängenden Gärten“, für Streichquartett (2023) - 1. Fassung
16'
Hard Facts
- Auftragswerk – Arnold-Schönberg-Center-Wien, Dr. Ulrike Anton
- Das Werk entstand im Rahmen des Erhalts des Arnold Schönberg Stipendiums für Komposition 2023 (BMKÖS).
- Premiere – 17. Juli 2024 / Arnold-Schönberg-Center, Wien | Schönberg & Bruckner 150 | 200
- Quatuor Diotima
-
- Violine I – Yunpeng Zhao
- Violine II – Léo Marillier
- Viola – Franck Chevalier
- Violoncello – Alexis Descharmes
- Es handelte sich hierbei um eine Kooperation zwischen dem Arnold-Schönberg-Center und dem Österreichischen Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichem Dienst und Sport.

In seinem Liederzyklus „Das Buch der Hängenden Gärten“ – entstanden in den Jahren 1908/19091 – griff Arnold Schönberg auf den dritten Teil von Stefan Georges »Bücher der Hirten- und Preisgedichte, der Sagen und Sänger und der Hängenden Gärten« aus dem Jahre 1895 zurück, wobei er 15 der 32 Gedichte vertonte. Die „Hängenden Gärten“ beziehen sich auf die sagenumwogenden „Hängenden Gärten der Semiramis“ – auch als „Babylonische Gärten“ bezeichnet – welche als eines der sieben Weltwunder der Antike galten. Aufwendig gestaltete Gartenanlagen, wobei aus heutiger archäologischer Sicht der allerdings unklar, wo und wann die „Horti Pensiles Babylonis“ tatsächlich existiert haben.
Der Zyklus beschreibt die Geschichte eines Prinzen und seines sexuellen Erwachens, wobei die Verwandlung vom naiven Jüngling, der den Garten betritt um dort „schließlich die Erfüllung aller Sehnsüchte mit seiner Geliebten in einem Blumenbett zu finden“ hin zum Mann – zum „Wissenden“ und „Eingeweihten“, – bis er schließlich von der Geliebten verlassen wird, im Fokus steht.
Mit der Einheit der Liebenden zerfällt, verfällt bzw. verwandelt sich auch der Garten: „Hohe Blumen blassen oder brechen, es erblasst und bricht der Weiher Glas.“
Wie die Beziehung der beiden zueinander, löst sich auch jener Garten auf – diese zweifache Auflösung kann im weitesten Sinne auch als Metapher für die zeitlich einhergehende Auflösung der Tonalität aufgefasst werden. Mit der Emanzipation der Dissonanz wurden diese zu „natürlichen und logischen Bestandteilten des Organismus“ – der Tonalität. Der „Garten“ fungiert hier im Sinne eines übergeordneten symbolischen Kontexts, sowie auf textlicher Ebene als Sinnbild für ebendiesen natürlichen Organismus. Zurück bleibt nur das „morsche Gras“, die „mürben Blätter“ – „draussen um des Edens fahle Wände“ ist die Nacht bloß „überwölkt und schwül“: Außerhalb des enttäuschten und desillusionierten Selbst – außerhalb dieser „fahlen Wände“ – herrscht Dunkelheit. Weder das Licht des Monds noch der Sterne – keinerlei Licht – treffen auf das Auge des Prinzen.
Der Titel „VERSCHLUNGENES GEFÜGE“ geht auf das 7.Gedicht des Zyklus bei Stefan George zurück, welches A. Schönberg unvertont ließ, und weist auf den konzeptionellen Ansatz Glinsners hin.
Bei dem Untertitel „Wo von Sternen ungestalten Schatten wiegen…“ handelt es sich um eine Kombination von Textpassagen aus dem 1. („Wo von sternen feine flocken schneien“) und dem 12. Lied („So denke nicht der ungestalten schatten, die an der wand sich auf und unter wiegen…“) des Zyklus von A. Schönberg.
Oktober, 2023
Tanja Elisa Glinsner