„Ein Baum. Entwurzelt. Der ins Leere fällt.“

2022

für Orchester ( 2/2/2/2 (1Fg 1 Kfg), 4/1(B)/2 (Ten. Bass.) /0, Schlgw. (2), Klav. (optionale Präp.), Str. (10/8/6/4/3) )

13' - 15'

Hard Facts

  • Auftragswerk Grafenegg-Festival & NÖ-Tonkünstlerorchester
  • im Rahmen von INK STILL WET (Mentoren: Friedrich Haas und Baldur Brönnimann) entstanden
    • Premiere – 04. Sept. 2022, Auditorium / Grafenegg
      • NÖ-Tonkünstlerorchester
      • Dirigentin – Tanja Elisa Glinsner

 

  • Preisträgerwerk – Call for Scores – Orchesterwerke Arnold Schönberg 2024
    (eine Kooperation zwischen Festival WIEN MODERN, RSO Wien, ACOM Austrian Composers, Arnold-Schönberg-Center-Wien)

    • Preisträgerkonzert:
      • 29. Nov. 2024, WIEN MODERN: Wiener Musikverein (Goldener Saal) 
      • ORF-Radio-Symphonieorchester Wien (RSO)
      • Dirigentin – Susanne Blumenthal

 

 

  • In Dankbarkeit Kornelia Pommer gewidmet.

 

 

Dem Kompositionsprozess von “Ein Baum. Entwurzelt. Der ins Leere fällt…” ging eine intensive Auseinandersetzung mit Arnold Schönbergs Liederzyklus Das Buch der hängenden Gärten (1908) voraus, für den der Komponist 15 der 32 Gedichte aus dem dritten Teil von Stefan Georges Bücher der Hirten- und Preisgedichte, der Sagen und Sänger und der Hängenden Gärten (1895) vertonte.

Die «Hängenden Gärten» bezogen sich auf die sagenumwobenen Hängenden Gärten der Semiramis bzw. auf die Babylonischen Gärten. Schönbergs Zyklus erzählt die Geschichte eines Prinzen und seines sexuellen Erwachens. Im Fokus steht die Entwicklung des naiven Jünglings, der einen Garten betritt, um dort die Erfüllung seiner Sehnsüchte mit seiner Geliebten zu finden, und zum «wissenden und eingeweihten» Mann zu werden – bis er schließlich von seiner Geliebten verlassen wird. Mit der Trennung der Liebenden zerfällt auch der Garten: «Hohe blumen blassen oder brechen./Es erblasst und bricht der weiher glas […].» (Stefan George) Es ist eine zweifache Auflösung, die im weitesten Sinne auch als Metapher für die zeitlich einhergehende Auflösung der Tonalität aufgefasst werden kann.

 

Besonders interessant schienen Glinsner jedoch jene Gedichte aus dem Zyklus, die Schönberg nicht vertonte: Sie bieten eine indirekte Klammer für die emotionale Auslebung der verbotenen Liebe, die sexuelle Emanzipation des Prinzen in den sagenumwobenen Babylonischen Gärten und deren Verfall. Nimmt man alle Teile, auch jene, die Schönberg wohl bewusst nicht aufnahm, erzählt der Zyklus von einem aus seinem Land vertriebenen Prinzen, der schließlich bis in die Selbstverleugnung getrieben wird – als wäre er ein Baum aus jenem Garten, den man gefällt hat. Ebenjene Geschehnisse außerhalb des Gartens versuchte Glinsner hier nachzuempfinden, wobei der Garten zum Symbol für eine «heile Welt» wird, während sein Zerfall als ein Symbol für die Akzeptanz von Vergänglichkeit gelesen werden kann.

 

Die Verschmelzung des Verlusts von Heimat und Identität mit den intensiven emotionalen Ereignissen im Garten werden mittels zweier weiterer Gedichte angedeutet: Ebene Landschaft von Marie Luise Weissmann und Der brennende Baum von Bertolt Brecht. Beide Texte behandeln die Entwurzelung eines Baumes – bei Weissmann durch Wasser, bei Brecht durch Feuer. Beides assoziierte ich mit prägenden Ereignissen, die zu einem Gefühl des Identitätsverlusts führen. Die fließenden Passagen (Weissmann) werden im Stück durch Schläge und krachendes Holz immer wieder (Brecht) «gebrochen».

“Ich selbst durfte nicht bei der Entwurzelung dabei sein. Wäre ich es gewesen, hätte ich zumindest Abschied nehmen können.“, schreibt die Komponistin.

So aber können nur die Folgen erspürt werden: Beide Formen der Zerstörung – Feuer und Wasser – werden hier nebeneinanderstehen und ergänzen einander zu einem vollständigen Bild. Die additive Kombination der beiden Texte führt zu einer Kumulation geballter Zerstörungskraft; sie birgt jedoch auch die Möglichkeit tröstlicher Wechselwirkungen von Synthese, gegenseitiger Aufhebung, Milderung und Negation.