"Herauf nun, herauf, du großer Mittag!“

2014

für Picc., Klar., Vio., Vc., Klav.

ca. 6'

Hard Facts

  • Premiere – 2014, Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien (MDW)

 

    • Es spielten Studierende der MDW.
      • Dirigentin –  Marie Jaquot

 

 

„Und schon kam ihm die Erinnerung und er begriff mit einem Blicke alles, was zwischen gestern und heute sich begeben hatte. ‚Hier ist ja der Stein.‘ sprach er und strich sich den Bart, ‚auf dem saß ich gestern am Morgen; und hier trat der Wahrsager zu mir, und hier hörte ich zuerst den Schrei, den ich eben hörte, den großen Notschrei. – O ihr höheren Menschen, von eurer Not war’s ja, dass gestern am Morgen jener alte Wahrsager mir wahrsagte, – zu eurer Not wollte er mich verführen und versuchen:

O Zarathustra sprach er zu mir, ich komme, dass ich Dich zu Deiner letzten Sünde verführe. Zu meiner letzten Sünde? rief Zarathustra und lachte zornig über sein eigenes Wort: was blieb mir doch aufgespart als meine letzte Sünde?‘ – Und noch einmal versank Zarathustra in sich und setzte sich wieder auf den großen Stein nieder und sann nach. Plötzlich sprang er empor, – ‚Mitleiden! Das Mitleiden mit dem höheren
Menschen!‘ schrie er auf, und sein Antlitz verwandelte sich in Erz. ‚Wohlan! Das – hatte seine Zeit! Mein Leid und mein Mitleiden – was liegt daran! Trachte ich denn nach Glücke? Ich trachte nach meinem Werke! Wohlan!

Der Löwe kam, meine Kinder sind nahe, Zarathustra ward reif, meine Stunde kam:  – Dies ist mein Morgen, mein Tag hebt an: herauf nun, herauf, du großer Mittag!‘ Also sprach Zarathustra und verließ seine Höhle glühend und stark, wie eine Morgensonne die aus dunklen Bergen kommt.“

Diesen Ausschnitt aus Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra, dem letzten Kapitel „Das Zeichen“, wählte Glinsner vor zehn Jahren als Titelgeber ihres frühen Werkes „Herauf nun, herauf, du großer Mittag…!“. Das Werk war weniger als philosophisches Statement gedacht, sondern vielmehr als kurzes Zeugnis des Beginns einer persönlichen künstlerischen Suche.

 

„Mit Staunen lese ich heute diesen Ausschnitt, den ich damals – ohne ein weiteres Wort dazu verfasst zu haben als Einführung zu dem Werk verstand. Bereits hier traten kompositorische, sowie inhaltliche Thematiken in Erscheinung, die meine musikalische Sprache und meine konzeptionellen Fragen bis heute prägen und immer wieder zu kommen scheinen: der Stein („Hier ist ja der Stein…“) und Zarathustras Ausruf „hier hörte ich zuerst den Schrei“.

Wie es der „Zufall“ wollte, war im vergangenen Jahr meine Kammeroper Schweig still, mein Stein… uraufgeführt worden – sie erzählt von einem durch den Schrei der Welt verstummten Herzen – einer Stimme, die verlernt hat zu sprechen, die innerlich schreit, aber nicht mehr gehört wird. Und hier erkenne ich einen klaren Ausgangspunkt, weshalb ich heute dieses Werk Herauf nun, herauf, du großer Mittag…! Ganz klar als damaliges persönliches Manifestationsversprechen und als Schaffensimperativ für die folgenden Jahre verstehen kann.

„…und hier trat der Wahrsager zu mir, und hier hörte ich zuerst den Schrei, den ich eben hörte, den großen Notschrei. (…)

Doch was liegt daran! Trachte ich denn nach Glücke? Ich trachte nach meinem Werke! Wohlan!“

 

18. Sept. 2025 
Tanja Elisa Glinsner