VON GLÄSERNEN HIMMELSSCHERBEN

2023

eine szenische Meditation für Klarinette (B) solo

45' - 60'

Hard Facts

  • Auftragswerk – Wiener Musiktheatertage / Georg Steker & Barbara Maria Neu

 

  • Premiere – 14. Sept. 2023, WUK / Wiener Musiktheatertage

 

    • Klarinette & Performance – Barbara Maria Neu
    • Inszenierung – Azelia Opak
    • Bühnen-/ Kostümbild – Felix Huber
    • Projektleitung – Julia Neuwirth

 

  • Hierbei handelte es sich um eine Produktion des Vereins für interdisziplinäre Künste in Koproduktion mit MUSIKTHEATERTAGE WIEN und WUK performing arts und wurde gefördert von der MA7 Kulturabteilung der Stadt Wien, dem Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport, dem Nationalfonds der Republik Österreich und der SKE austromechana.

 

 

 

Claire Goll,

Der Mensch ist tot

Der Mensch ist tot,
nicht baut er aus der Welt
Milchstraßen, Himmelsleitern mehr zu Gott.
Fort unsere Hände, die den Horizont zerbrachen,
Von gläsernen Himmelsscherben aufgeschnitten,
Und unsere Frühlingssehnsucht, die den Mond
Als blonde Aster in den Gürtel steckte,
Und unser Herz von tausend Regenpfeilen
An dieser Erde schwarze Wand genagelt.
Und unser Blicke goldnes Feuerwerk
Mit der Raketensonne hochgestiegen,
Die nicht mehr kreiset um die dunkle Welt,
Weil sie im Meere unsres Bluts erlosch.

 

In Tanja Elisa Glinsners “Von gläsernen Himmelscherben” – einer szenischen Meditation oder meditativen Szene für eine Klarinettistin –, welche auf dem oben angeführten Gedicht Claire Golls „Der Mensch ist tot“ basiert, begeben sich Barbara Maria Neu, sowie das Publikum immer wieder neu auf eine Suche nach Auswegen aus einer scheinbar „gottverlassenen“, „sinnverlassenen“, wenn nicht sogar „menschenverlassenen“ Existenz.

 

Neben fest determinierten monotonen Arbeitshandlungen, ausnotiertem Stottern, Seufzen und Schreien, öffnet Glinsner den Raum für eine vermeintliche Freiheit bezüglich des Ausgangs der Suche. Die Klarinette übernimmt hierbei eine instrumentalisierte, jedoch flexible Verbindung – eine Brücke … eine Himmelsleiter – zwischen dem Hier und Dort, dem Jetzt und Damals – im Gedicht letztendlich die zwischen Mensch und Gott – zwischen dem Gestorbenen, Gewesenen zum Transzendenten, ein.

Textpassagen wie „nicht baut er…Milchstraßen, Himmmelsleitern“, „tausend Regenpfeile“, „gläserne Himmelsscherben“, oder auch „an die Erde schwarze Wand genagelt“ boten explizite kompositorische Ansatzmöglichkeiten zur Einbindung des Raumes der „Metallwerkstatt“, für welche das Werk ursprünglich konzipiert worden war. Die absolut und zerschmetternd endgültig wirkende Aussage des Gedichts trifft nun im Bühnenbild Felix Hubers zum einen auf einen Ort des Schaffens, Gestaltens und Kreierens und ermöglicht dem Publikum die Begleitung einer transzendentalen Verwandlung, die Begleitung der Entstehung einer „inneren Leiter“, eines selbst gefundenen Sinns in der eigenen Selbstbestimmung – als einer Möglichkeit des Auswegs.

 

Man könnte annehmen, dass Glinsner mit der meditativen Wirkung gedämpfter kontinuierlicher Hämmerlaute der Endgültigkeit des Textes ein „metallisches“ Gegengewicht entgegensetzen wollte – es wird noch gebaut, die Hände sind noch am Arbeiten und Schaffen. Jedoch sind die Geräusche nur noch Erinnerungen an ursprüngliche Schaffensprozesse: Denn – der Mensch schafft nicht mehr – er ist tot. Die Aussage absolut – Gott ist gestorben. Die Geräusche erinnern an Kreativität, an einen angeregten Geist, doch laufen mehr und mehr automatisiert ab.

Der einzige kreative Prozess, welcher sich von den mehr und mehr stagnierten perkussiven Elementen abgrenzt und abhebt, entwickelt sich im Instrumentalpart – in der Klarinette -, als verbindende Komponente zwischen Text und Geräusch – eine Himmelsleiter, mit ihr beginnt der Versuch eines Ausbruchs aus der gegebenen scheinbar determinierten Existenz.

 

 

Juni, 2023

Tanja Elisa Glinsner