SCINTILLAE

oder „froh, wie seine Sonnen fliegen…“

2023

für Orchester ( Picc. 2/2/2/2, 4/2/3/0, Schlgw. (2), Str. (8/8/6/6/3 od. 6) )

15' - 17'

Hard Facts

 

  • Auftragswerk – Dr. Helmut SOHMEN Kompositionspreis 2024, Hongkong Academy of Performing Arts (HKAPA) & Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien (MDW)

 

  • Premiere – 14. Mai 2024, Hongkong Academy of Performing Arts (Great Hall)
  • im Rahmen des Preisverleihungskonzerts zur Verleihung des Dr. Helmut SOHMEN Kompositionspreises 2024

 

    • HKAPA – Academy Symphony Orchestra Hongkong
    • Dirigentin – Sharon Choa

 

  • Es handelte sich hierbei um eine Kooperation zwischen Dr. Helmut Sohmen, der Hongkong Academy of Performing Arts und der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien (MDW).

 

 

 

SCINTILLAE
Oder
„froh, wie seine Sonnen fliegen…“

 

… greift auf den Begriff der sogenannten „Scintilla“, lat. „Funken“ zurück – eine kleine Anspielung auf die Götterfunken in Schillers „Ode an die Freude“. Hierbei handelt es sich um einen zentralen Begriff der philosophischen Lehre Meister Eckharts (13. Jhdt.), welcher später in die Mandala-Symbolik Carl Gustav Jungs Eingang fand und dort mit dem kontemplativen Zentrum eines Mandalas gleichgesetzt – als therapeutisches Hilfsmittel zur Unterstützung des Individuationsprozesses – wurde.

 

Carl Gustav Jung schreibt zur Scintilla: „Es gibt eine Kraft in der Seele – die spaltet das Gröbste ab und wird mit Gott vereint: das ist das Fünklein der Seele.“ Ein Funken, der „sich zu einer unbegrenzten und unveränderlichen Kraft entwickle“, in welchem sich das unendlich Kleine und das unendlich Große zu einer mystisch erscheinenden Einheit verbinden.

Die “Scintilla” stellt bei Jung das noch nicht Benennbare dar – im Sinne einer transzendenten Funktion. Symbolisch setzt er sie mit dem Selbst gleich. Hingegen in der Mandala-Symbolik steht die Scintilla für die Mitte – das Zentrum eines Mandalas – von welchem ausgehend, sich alles entwickelt. Dies soll auch der erste Ausgangspunkt für das neue Orchesterwerk werden: Es werden hierbei kreisförmige Klangflächen gebildet, deren „Scintilla“ zentrale Motive der 9. Sinfonie von Ludwig v. Beethoven bilden.

Mithilfe des zentralen Motivs werden durch Ringmodulation Spektralakkorde gebildet, welche die harmonische Grundlage der Kreisflächen liefern sollen, wodurch die Scintilla einen wesentlichen Einfluss auf seine Atmosphäre – seine farbige Umgebung nehmen kann. Symbole der Gemeinschaft – einer visionären – geradezu heiligen menschlichen Gemeinschaft -, des „Bunds“, des „Friedens“ bestimmen den pathetischen Text Schillers und werden verstärkt durch das in der „Ode an der Freude“ allgegenwärtige Symbol des Kreises.
Hierbei sei auf Textpassagen wie „Ja, wer auch nur eine Seele Sein nennt auf dem Erdenrund“, „froh wie seine Sonnen fliegen“, „Seid umschlungen, Millionen“ hingewiesen. Um ebenjene pathetischen, optimistischen, teilweise transzendent wirkenden Aussagen Schillers und Beethovens in eine Art symbolischen, unendlichen Kontext zu stellen, folgen die gebildeten Kreisflächen einander in Abständen, welche durch die Dezimalstellen der Zahl Pi bestimmt werden.

 

Die Verwendung von Pi – als Kreiszahl und dadurch auf das Symbol des Kreises eigentlich wiederum zurückgreifend – und als die Zahl, in welcher im Grunde genommen alles in Form von mathematischen Codes enthalten ist: die Realität, aber auch alle unendlichen Möglichkeiten der Abweichungen „unserer“ Realität – stellt nicht nur die Möglichkeit des Bundes „Alle Menschen werden Brüder“, oder auch der Existenz eines Schöpfers („über’m Sternenzelt muß ein lieber Vater wohnen“) in einen unendlichen wirkenden Kontext, sondern stellt vor allem die eigentliche tröstliche Möglichkeit als eine Form der tatsächlich möglichen Realität in den Raum.

Durch die Formung der Kreisflächen in den vorgegebenen zeitlichen Abständen ergeben sich gemäß dem Text „Froh wie seine Sonnen fliegen durch des Himmels prächt’gen Plan – laufet, Brüder, eure Bahn…“ mehrere Kreisflächenabfolgen – wenn man so will – verschiedene Sonnenbahnen. Diese –als letzten kompositorischen Ausgangspunkt – befinden sich auf ebenjenem Sternenzelt, „über welchem ein lieber Vater“ wohnen soll. Das Sternenzelt – ein Teppich aus obertonreichen, atmosphärischen Textelementen aus der „Ode an die Freude“ -, ermöglicht herbei eine immanente Interaktion der textlichen, obertonreichen sphärischen Ebene Schillers und der instrumentalen, klangfarblich konkreteren, irdischen Ebene Beethovens.

 

„Ahnest du den Schöpfer, Welt?

Über’m Sternenzelt –
Über Sternen muß er wohnen…“

Tanja Elisa Glinsner
22. Mai 2022